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12.04.2019, Gastautor, Kategorie: Herzklopfen

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„Nimm Dir die Freiheit nach dem Sinn zu fragen, denn Neugier ist ein Muskel, den du täglich trainieren solltest.“

„Ach du dickes Ei!!!“

Der Angestellte aus dem Supermarkt saust mir mit kleinen, viel zu eng genommenen Schritten entgegen. Seine hohe Stirn glänzt im fahlen Licht der Neonröhren. Sein Namensschild klappert an seiner Kittelschürze. Helmut Rowalzki – Abteilungsleiter.

„Ei ei ei“, gibt er kopfschüttelnd von sich. Schaut auf den Boden vor meinen Füßen und dann in mein Gesicht. „Das Gelbe vom Ei“, stottere ich. „Bitte?“ fragt Helmut. „Das Gelbe vom Ei, es fehlt.“ Ich deute auf den gefliesten Boden. Zerbrochene Eierschale, in einer wabernden, durchsichtigen Glibber-Konsistenz, schwimmt wie Treibgut still vor sich hin.

Helmut verdreht die Augen und aktiviert sein Headset. „Wir haben einen Fall siebenundsiebzig in Gang Neun, bitte kommen. Ich wiederhole, ein Fall siebenundsiebzig in Gang Neun.“

Ich frage mich, ob er tatsächlich mit irgendjemandem spricht und wenn ja, mit wem? General Aldi? Hauptmann Edeka? Oberfeldwebel Lidl? Und was in aller Welt soll dieser „Fall siebenundsiebzig“-Eiertanz? Die Wichtigkeit des Informanten demonstrieren? Oder ist es ein geheimer Code für: „Achtung für „Hier ist eine verwirrte Kundin am Eierregal“, Gesicht merken, auf kein Gespräch einlassen und nach Draußen begleiten, bevor sie noch mehr Schaden anrichtet.“ Ich gehöre zum Menschenschlag der Schlagfertigen. Eiere eigentlich ungern so wortlos herum. Aber hier haben mich gleich mehrere Dinge aus der Bahn geworfen.

Erstens: Mein zerschmettertes Ei hatte kein Eigelb. Und zweitens: Diese fehlende Transparenz für den Eierendverbraucher. Mir werden Eier im Supermarkt in drei verschiedenen Preisklassen angeboten. Das ist bekannt, denn grob unterteilt werden große und kleine Eier, Boden- Freiland und Bioeier präsentiert. Und zu Ostern auch noch bemalte. Zu was es ein Ei am Ende bringen kann, hängt von der Haltung der Henne ab, die es in die Welt legt. Welches Ei bei uns in der Küche landet, hängt von der inneren Haltung zum erworbenen Tierprodukt ab. Ich bin sehr für umfangreiche Lebensmitteldeklarationen – nur wenn man durchgestiegen ist, was die roten Zahlen auf den einzelnen Eiern bedeuten, dann fühlt man sich so manches Mal noch weiter in die Irre geführt. Dann sind die Eier von deutschen Bio-Höfen zwar verpackt, jedoch in niederländischen Ställen der Henne aus dem Federkleid geschlüpft. Wonach kein Hahn krähen würde, wüsste man nicht, dass die Auflagen zur Biohaltung in den Niederlanden viel geringer sind, als die in deutschen Landen.

Die Kennzeichnung „Bio“ schließt Massentierhaltung leider auch nicht immer aus. Da kann sich unser Ei noch so hübsch in Schale werfen, durch stilistische Verpackungen, mit im Gras wandelnden, glücklichen, nach Würmer scharrenden Hennen. Der Eiermarkt wird beherrscht von Großkonzernen, die uns eine Idylle vortäuschen, die es so nicht gibt.

Verkaufsförderung, ein wirtschaftlicher Faktor, ganz klar. Dies trifft nun auch den Hof von Bauer Günni (Ich nenne ihn hier einfach mal so). Der beliefert nämlich den Supermarkt. Und zwar alle drei Regale. Seine Strategie bringt mich sehr ins Grübeln. Bio, Freiland, Bodenhaltung. Alles von ein und demselben Hof! Wie funktioniert diese drei Klassen-Gesellschaft im Hühnerstall?

„Sorge dich nicht um ungelegte Eier“, dies riet uns bereits Martin Luther, doch wie Columbus auf der Suche nach dem goldenen Ei nicht aufgab – oder bringe ich da jetzt etwas durcheinander? – frag’ ich mich, wie qualifiziert sich die Henne, um das Ei für die oberste Etage legen zu dürfen? Und wie ergeht es Bauer Günni bei der ganzen Sache? Gibt es schlaflose Nächte auf seinem Hof? Wenn er zum Beispiel nur noch Platz für ein Huhn auf seinem High Class Hühner-Apartment in Südhanglage hat. Aber just zu dieser Stunde zwei Lieblingshennen legebereit sind. Frieda und Erna. Wer darf denn nun all you can eat, super special food und persönliche Streicheleinheiten genießen? Wird im Falle von gemeinen Diskriminierungen verbaler Art wie „dummes Huhn“ einen Rechtsbeistand von Harald Ullman bekommen, der als zweiter Vorsitzender der PETA fordert, dass auch Tiere ein Recht haben, sprachlich im richtigen Licht zu stehen.

Wer aber muss auf die Stange im Stall und darf nie wieder ein Sonnenbad unter freiem Himmel erleben? Frieda oder Erna? Was nun? Ist es überhaupt ethisch vertretbar, auf ein und demselben Hof dieses Kastensystem zu bewirtschaften? Unmoralisch?

Dass sich eine Henne im Laufe ihrer Legekarriere hocharbeiten kann ist leider auch kaum möglich. Unsere Hybrid-Hennen sind auf absolute Legeleistung gezüchtet. Nach zwei Jahren extremer Produktivität gehören sie zur Altersklasse und enden zwischen jungem Gemüse im Suppentopf.

Mach mit, mach’s nach, mach’s besser!

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Wenn wir nun zu Ostern mit unseren Nachwuchs Eier pusten bis einem der Schädel platzt, kann jeder für sich selbst entscheiden, wo er einen Aufpreis zum Wohl der Tiere zahlt und wo er auf ein Ei verzichten kann. Der Henne oder dem Ei zuliebe. Was auch immer zuerst da war. Für Frieda, Freude, Eierkuchen und dafür, dass Bauer Günni, jedem seiner Hühner einen „Ei love you“ Guten- Nacht-Kuss geben kann. Für ein klares und transparentes „Ei feel good“ Logo für den Endverbraucher.

„Anfänger“, höre ich Helmut murmeln und reißt mich dabei aus der Glucken Revolution. Er deutet auf den Boden „wenn das Eigelb fehlt“, erklärt er weiter „dann hat die Henne noch geübt.“ Ach so ist das also, eine fehlende Fehlerkultur kann sich Bauer Günni jedenfalls nicht unterstellen lassen.

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