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14.02.2019, Gastautor, Kategorie: Herzklopfen

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„Nimm Dir die Freiheit nach dem Sinn zu fragen, denn Neugier ist ein Muskel, den du täglich trainieren solltest.“

Fake the Date, denn Zeit ist relativ …

Das Leben hält viele Phänomene für uns bereit. Neben sich selbst, das eigene schwer zu machen und wenn das nicht hilft, dieses seiner Mitmenschen zu beleuchten, verbringen wir doch gerne damit Zeit, keine Zeit zu haben. Und wenn dann doch etwas Zeit ist, investieren wir diese um Ausreden zu finden, weshalb wir keine Zeit hätten. Ein Dilemma, nicht wahr?

Doch woran liegt das? Rieselt der Sand tatsächlich schneller durch den Hals der Sanduhr oder liegt es an der Schnelllebigkeit? Oder, ist etwas ganz Anderes unser Problem? Ich habe letztens etwas, über die „Maybe“ Generation, gelesen. Darüber, dass wir uns nicht mehr festlegen wollen oder gar können, weil die Angebote unserer Lebensgestaltung zu viele Optionen bieten. Wir haben Lebensabschnittsgefährten, Zeitarbeitsfirmen und bei Facebook gibt es sechzig verschiedene Optionen sein Geschlecht zu wählen. Wenn man die heute, zwanzig bis dreißig jährigen befragt, dann haben sie am meisten Angst davor für immer im selben Unternehmen tätig zu sein, sich fest zu legen, stehen zu bleiben, sich langfristig an jemanden oder etwas zu binden. Wo uns früher Songs mit dem Titel „Love me, do!“ um die Ohren geschmettert wurden kreischt es heute aus dem Radio „call me, maybe!“. Wir leben in einem ständigen vielleicht, möglicherweise, mal sehen, quasi, eventuell…

Dazu ein kleines Beispiel:

Gerade schlurfte ich am Abend über den Rathausplatz. Meine Gedanken kreisten bereits um Feierabendbier, heißer Dusche, und einem guten Buch, über welchem ich einfach einschlafen konnte. Das war allerdings nur eine Wunschvorstellung, in Wahrheit wartet eine Familie auf mich, die bekocht und bespaßt und umsorgt werden wollte. Wie dem auch sei, läuft mir Antje über den Weg. Antje ist eine von vier anderen Frauen die ich vor über zehn Jahren, in der Krabbelgruppe meiner Kinder kennengelernt habe. Damals hatten wir noch mehr Zeit und haben uns alle einmal die Woche zum Kochen und plaudern getroffen. Die Zeit wurde immer weniger, bis sie letztendlich ganz versiegte.

Antje sagt: „Wie schön dich zu sehen, ich habe leider gar keine Zeit, aber lass uns doch mal wieder treffen!“ „Ja“, sag ich „Unbedingt! Ich würde mich wahnsinnig freuen.“ „Gut“, sagt Antje „wir sollten dieses Mal aber nicht so viel Zeit verstreichen lassen.“ „Nein, ganz bestimmt nicht. Lass uns doch nächste Woche einmal telefonieren oder schreiben und einen Termin abmachen.“

Antje findet das eine prima Idee und so verabschieden wir uns. Ich bin mir sicher, dass ihre Freude genauso ernst und ehrlich gemeint ist, wie die meine.

 

Doch bin ich mir sicher, dass auch dieses Mal ein Treffen nicht stattfinden wird. Dieses ganze „Ich würde“, „Wir sollten“ ist viel zu weit von einem „Wir machen!“ entfernt. Unsere Aussagen sind weichgespült und unkonkret und sind nur schein-verbindlich. Zuerst schob ich diese Tatsache auf unser Vokabular. Heute aber, schiebe ich das ganz alleine auf mein Verhalten. Meine Haltung und mein Bewusstsein gegenüber festgesetzten Terminen. Ich befinde mich doch viel lieber in zeit-orientierter Schonhaltung. Von jetzt auf gleich entscheiden können, was ich als nächstes tun möchte. Habe ich nicht schon genug verbindliche Verpflichtungen? Zu der Erkenntnis, mit der Schuldfrage, kam ich als Antje dann doch eine Woche später anrief und mir einen konkreten Termin vorschlug. Dort hatte ich auch noch Zeit. Theoretisch.

Was ich sagte war: „lass uns jenes doch gerne einmal ins Auge fassen. Wir Besprechen dann kurz vorher, wann und wo genau wir uns treffen.“ „Das können wir jetzt schon“, machte sie es fest „Wir treffen uns Samstag, in zwei Wochen, um 19 Uhr bei mir. Ich mach auch was zu Essen und mixe ein paar Drinks.“

Ich sagte klar gerne, wäre doch total toll. Und quäle ein schiefes lächeln in mein Gesicht. Noch bin ich selbst auch überzeugt dieses Treffen einhalten zu können. Ein paar Tage vor dem geplanten Treffen gerate ich allerdings schon in Stress. Ich habe doch eigentlich noch so viel zu tun. Warum fühle ich mich bloß so belästigt von Verabredungen? Ich habe mich mal umgehört und bin mit diesem Symptom, nicht alleine. Termine werden gemacht, nicht eingehalten, verschoben.

„Ich halte mir das offen.“ „Zur Not schreib ich eine Nachricht und sag ab.“ „Zuviel zu tun, kam grad ein Auftrag rein.“ „Ich bin krank, ganz plötzlich.“

Jemanden kurz vorher absagen? Das geht! Dank der schnellen Medien die wir nutzen, um Nachrichten zu übertragen, ganz gewissenlos und einfach. Ich brauche noch nicht einmal einen nasalen Infekt vorzutäuschen, denn den kann man aus einer Textnachricht nicht herauslesen. Diese Medien führen natürlich auch zu neuen Taktiken derer, die was von einem wollen. So wird man nach Zeit gefragt, ohne, dass aufgeklärt wird, wofür man nun zusagen soll. Feierabendbier, beim Umzug helfen oder einen langen Text Korrekturlesen? Für so schwierige Fälle würde ich mir die App wünschen: „Fake the Date“! Diese könnte mir individuelle Ausreden vorschlagen. Dann hätte ich wieder Zeit gespart, die ich sonst in schriftliche Formulierungen investieren müsste. Anzurufen, ist ja so was von gestern.

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, so hieß es früher nach Karl Marx (1818-1883 deut. Philosoph und Ökonom). Heute bestimmt die Fake-Vielfalt den May-be-Modus des Seins und schafft immer breitere Kreise der Bewusstlosigkeit. Oder, wie es ein kluger Essayist gerade formuliert hat: Ein System, in dem schon lange das bewusstlose Subjekt des Kapitals herrscht, verbindet sich wunderbar mit der bewusstlosen Künstlichen Intelligenz. Dann muss nur noch die Kirche beginnen, die Roboter zu taufen, und alles wird gut… Kommt Zeit, kommt Rat.

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