Veröffentlicht in Herzklopfen

„Nimm Dir die Freiheit nach dem Sinn zu fragen,
denn Neugier ist ein Muskel, den du täglich trainieren solltest.“

Ich erwarte einen Blockbuster und bekomme:

… ein Blockdisaster! Ich habe heute Geburtstag und will dem Geburtstagswahnsinn mal den Stecker ziehen. Geburtstag ist auch nur ein Tag. Ich hasse, dass jeder einzeln fragt, wie man sich jetzt fühlt mit über dreißig, Gratulieren und das endlose Wiederholen-Müssen der Sachen, die man geschenkt bekommen hat. Ich steh auch nicht auf Clowns und Luftballons. Ich hasse Kerzen Auspusten und Augenschließen und Auf-Knopfdruck-vor-allen-Rumwünschen. Ich finde Konfetti in den Haaren doof und ich hasse Geburtstagslieder (ALLE). Geburtstagsanrufe, Geburtstagsaufregung, sich über abgeschnittene Blumen freuen zu müssen und Rumstammeln am Telefon. Ein lästiger Graus. Deshalb habe ich dieses Jahr mein Telefon einfach mal auf lautlos gestellt. Am Ende des Tages musste ich meiner Neugier nachgehen und stellte zum Entsetzen fest:

Anrufe in Abwesenheit = 0

Dafür hatte ich dreiundzwanzig Whatsapp-Nachrichten, die es zu beantworten galt. Ich beschließe, mich selbst zu beschenken, und werde mich ins Kino einladen. Im Internet werden mir, in großen Kinofilialen, tolle Filme angeboten und ich versuche mein Glück, ein Ticket zu reservieren. Ein blinkender, magentafarbener Button weist mir, mit der Aufschrift „Jetzt Tickets sichern“, den Weg.

Bevor ich auch nur in die Nähe einer Reservierungsnummer komme, werde ich aufgefordert, Cookies zu genehmigen, meinen Wohnsitz preiszugeben und einen Haken in ein Kästchen zu setzen, welches dem Kino erlaubt, mir Newsletter zu senden. Ich tippe mir an die Stirn. So nicht! Also suche ich, über mehrere Seiten weitergeleitet, eine Hotline der Kinofiliale. Es geht wohl anonymer, wenn ich persönlich anrufe. Mit der Annahme, gleich einen fähigen Mitarbeiter zu erwischen, der mir zudem noch tolle Plätze empfehlen kann, wähle ich die gebührenpflichtige Nummer.

Drück die Eins!

Mich erwartet eine sympathische Stimme. Digitalisiert und unnatürlich stockend. Ach, wie praktisch, hier kann ich per Tastendruck meinen Film und meine bevorzugte Vorstellungszeit wählen. Zu dumm, dass ich mir erstmal deren komplettes Kinoprogramm anhören muss. Tippen sie die Eins, um einen Film zurück zu gehen, tippen sie die Zwei, um den genannten Film zu bestätigen. Wow, extrem umfangreich. Nachdem die Flimmervorführhölle mir das gesamte Angebot von Kindervorstellungen, türkischen und russischen Filmen mit Untertitel und die neue Sneak Preview unterbreitet hat, stellen die mir auch gleich noch deren Opernvorstellung in die Leitung.

Ich trommel ungeduldig Rossinis Finale...

… von Wilhelm Tell auf die Tischplatte. Ich frage mich, wie das früher war. Da hatte man in der Hotline eine Person, die einen nett begrüßt hat, und erhielt in Sekunden seine Sitzplatzreservierung. So viel zur Digitalisierung. Heute spricht jeder davon und viele Unternehmen rüsten sich für die Zukunft. Aber welches Unternehmen kann ein Interesse daran haben, seine Kunden so zu verärgern? Wer oder was profitiert eigentlich wirklich davon? Macht das überhaupt Sinn? Was braucht ein Unternehmen wirklich? Ganze elf Minuten vergehen, bis ich meinen gewünschten Film bestätigen kann.

Der Sitzplatz wird mir, mitsprachelos, zugeteilt.

So endlos durch die Schleife gezogen, drückt sich mir ein säuerlicher Geschmack die Speiseröhre hoch. Die Lust auf Popcorn und eine teure Filmvorführung ist fast vergangen. Ich bin gespannt, wie Regie und Schauspieler meine Übellaunigkeit im angekündigten Blockbuster zusätzlich auffangen werden.

Noch auf dem Weg ins Kino sehe ich vor meinem inneren Auge so viele Parallelen zu so vielen Firmen, dass mir fast schwindelig wird. Ich sehe aber auch Lösungen wie externe Berater, Mitarbeiterbefragung, kontinuierliche Verbesserungsprozesse oder was es da sonst noch so gibt. Ich würde mir wünschen, dass der Weg der Digitalisierung, besonders im Mittelstand, vernünftig durchdacht ist, und auf Menschen und ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.

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