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01.08.2020, Christian Hameister, Kategorie: Herzklopfen

Lernen am CAMPUS bedeutet Vielfalt

Der CAMPUS 75 hat die Tore nun geöffnet und wir alle haben auf diesen Moment gewartet wie kleine Kinder auf die Feiertage.

Ich besichtige die neue Lernlandschaft und bin hingerissen, begeistert und angetan. Ein Konzept durchdacht und anregend. Come as you are. Lerne was du willst. Zeig was du kannst. Jeder Raum, jeder Winkel ist genau darauf ausgerichtet. Wir sind Vielfalt, wir sind bunt, wir alle haben verschiedene Bedürfnisse, die unser Gehirn begießen, um es mit Wissen zu füllen. Da gibt es kein Nonplusultra. Da gibt es nur Mannigfaltigkeit. Darf ich das so sagen?

Bei der Besichtigung fallen mir die Etagenfarben auf. Jede Etage hat zur Orientierung eine andere Farbe. Im Kontext erkenne ich die Pride Flag. „Hey“, sag ich „das ist die Pride-Flag!“ Kopfnicken. Das brachte mich spontan zu einem Versprechen, etwas über Vielfalt und wie wir sie in Hamburg leben zu schreiben. „Vielleicht auch was übers Gendern?“ Wieder Kopfnicken.

Ach, Frau Freisinn, liebe Frau Freisinn, was hast Du Dir da andrehen lassen. Ich grüble. Ich mache mir kein Abendbrot, ich mache mir Gedanken. Doch die bringen mir weder Bissiges noch Schmissiges. Ich stamme halt nicht aus einer „Genderation“. Was soll ich schon dazu sagen? Ich bin in den 80er Jahren auf St. Pauli groß geworden. Meine Grundschule lag zwischen der Schmuckstraße und der Großen Freiheit. Frei fühlte ich mich. Frei wurde ich erzogen. Dazu trugen nicht ganz allein meine Eltern bei, die Ende der 50er Jahre geboren und in den 70ern ihre „besten Jahre“ hatten. Nein, es war auch mein Umfeld, das mich prägte. Ausflüge auf Spielplätze sahen so aus: Wir Kinder blieben ungeduldig am Sandkastenrand stehen, während die Erzieher schlafende Obdachlose weckten, Drogen-Werkzeuge aller Art oder benutze Kondome entfernten. Der Schulweg führte an Waffenläden, Sexshops und Table-Dance-Lokalen vorbei. Fasziniert und belustigt blieben unsere neugierigen Kinderaugen an den Schaufenstern kleben. Wir staunten, wir erschraken, wir kicherten. Für viele mag dies nun bedrohlich klingen oder erschütternd, doch für uns war diese Welt Realität und für Achtjährige gab es außerhalb dieser Welt noch nicht viel anderes. Erst im Nachhinein denkt der eine oder andere von uns zurück, pfeift durch die Zähne und sagt sich „Mannomann, ganz schön hartes Pflaster.“ Es hat uns sensibilisiert, Offenheit und Weitblick in jede Richtung gelehrt. Damit will ich nicht behaupten, dass das Leben in Vorstädten ihren Kindern und Bewohnern diese Erfahrung vorenthält oder zumuten sollte. Doch zu wissen, dass … ist anders, als zu erleben, was …!

Ich blicke zurück auf meine Kindheitstage. Ich bin neun Jahre jung. Zwei Menschen stehen an der Frauenkneipe, Ecke Bernstorff-/Stresemannstraße. Sie schubsen sich. Brüllen sich an. Eine Frau aus der Bar eilt dazwischen, ich denke es ist die Kellnerin, weil sie eine Schürze trägt. Die Kellnerin schiebt die beiden streitenden Menschen auseinander. „Mama, warum schreit der Mann so?“, will Klein-Freisinn wissen. „Das ist kein Mann“, erklärt mir Mama Freisinn, „das ist eine Frau, ich vermute es ist ein Liebesdrama.“ „Ach so“, entgegne ich. Frauen lieben sich. Frauen streiten sich.

„Heute passt Oma auf Dich auf. Ich gehe mit meiner Freundin ins Pulverfass!“

… sagt Mama Freisinn. Das stört mich nicht, denn bei Oma ist es toll. Da werde ich verwöhnt und kann schon früh den Fernseher anstellen. Turtles. He-Man. Sabor Rider. Alle warten nur auf mich. „Was ist das Pulverfass?“ will ich trotzdem wissen. „Das ist eine Travestie-Show!“ Mama Freisinn erkennt meinen fragenden Blick und ergänzt: „Das ist eine Show, in der sich Männer als Frauen verkleiden und auf der Bühne tanzen oder singen oder lustige Sachen erzählen.“ „Ach so“, sage ich. Männer verkleiden sich als Frauen.

Unser Nachbar kommt mit seinem Sohn zum Kaffee vorbei. Ich bin 13, der Sohn des Nachbarn ist 14. Wir hängen ab und spielen Tetris auf unseren Gameboys, während sein Vater mit meiner Mutter im Zimmer nebenan den Kuchen verdrückt und am Quatschen ist. „Wo ist deine Mutter?“, will ich wissen. „Mein Vater ist meine Mutter“, sagt der Nachbarsjunge. „Ach so“, sage ich. Eine Frau, die lieber ein Mann sein möchte.

„Wir“ haben uns einfach nichts dabei gedacht. Es war Normalität. Und wenn es etwas in mir ausgelöst hat, dann nur die Frage über die Definition, was ist „normal“. Ja, ja, da habe ich mir ein Ei ins Nest gelegt – übers Gendern schreiben. Egal, was ich schreibe, es wird wohl spalten. Also sollte ich vielleicht nur meine Ansicht skizzieren – in einem Satz: Entspannt euch. Punkt.

Na gut, ein paar Sätze mehr. Mir persönlich geht, gerade in Reden oder Texten, diese Genderei mächtig auf den Geist. Bei jedem nur ansatzweise männlichen Wortstamm wird ein weibliches Pendant, ob es das gibt oder nicht, ergänzt.
Da buttert die Ideologie das Sprachgefühl völlig unter. Mich verwirrt es jedenfalls. Dennoch hat dieses ganze Gefummel an dem grammatischen Geschlecht uns erobert. Auch eine Art der Belästigung. „Me Too!“ schreit da bald jeder Duden oder Dasie. Orwell wusste das. Und hat über „Newspeak“ als eine von oben bestimmte Sprachpolitik geschrieben. Doch die Sprache ist und bleibt unschuldig. Bei einem Austausch über dieses Thema mit dem von mir sehr geschätzten „Meinung oder merkwürdig“-Kolumnisten Rüdiger Laube flossen noch weitere Einsichten in meine Feder. Natürlich wurden Frauen die gesamte Vergangenheit über in die zweite Reihe geschoben (wir bleiben bei Deutschland, um nichts in anderen Ländern zu verherrlichen), wenig wertgeschätzt, nicht gleichberechtigt – ja, scheiße. Das zu ändern ist aber nicht damit getan, immer brav „*innen“ zu sagen und sich genauso unwürdig wie vorher zu verhalten. Andersrum wird ein Schuh draus. So, und nun kommen noch die „Diversen, Genderfluids, Bigender, Demigirl und -boys, Agender, Neutrois …“. Irgendwann wird 80 % der Texte damit befasst sein, jeden adäquat anzusprechen und bloß keine Fehler zu machen.

Um auf die Kurzform „Entspannt euch.“ zurückzukommen, sie meint: Lasst uns alle unaufgeregt und selbstbewusst den Inhalten von Hör-, Lese- oder Lernstoff die ganze Aufmerksamkeit schenken, nicht den Formalitäten. Das macht das Leben für Menschen jeder Geschlechtsidentität (ent)spannender, sprich: einfacher. Natürlich müssen dem auch Taten folgen: im Job, gerade auf Führungsebenen, auf Lohnlisten, in den Medien, in Familien, im Alltag. Übrigens brauchen wir keine dritten Toiletten. Nehmen wir lieber von den zwei aktuell eine weg. Vermutlich würde ich dafür von dem einen/der einin oder anderen/anderinnen an die/der Wand genagelt. Was solls …

Zurück zum CAMPUS 75 und seiner/ihrer Etagenfarbenordnung:

Lila steht für den Geist oder die Seele. Dunkelblau für die Klarheit. Grün für die Vielfalt der Natur. Gelb für den Sonnenschein. Orange für die Heilung. Rot für das Leben an sich. Eine bewusste Wahl, um der Vielfalt der Stadt einen Raum zu geben – ohne Einschränkungen, ganz normal und unplakativ.

 

Ob man die S-Bahn nun lieber in ER-Bahn oder SIE-Bahn umbenennen soll? Ich weiß es nicht. Und bin auch froh, es nicht bestimmen zu müssen. Ein grammatisches Geschlecht bestimmen zu müssen finde ich, in meiner Welt, überflüssig. Wenn es Vorurteile gibt, dann ist das vermutlich unabhängig vom Begriff. Das kann ich, als Kind einer deutschen Mutter und eines jamaikanischen Vaters, nur aufgrund meiner Erfahrungen sagen. Für mich zählt: das Ergebnis.

Lebt, liebt und lernt wie ihr es für richtig haltet. Im CAMPUS 75 ist jeder willkommen!
… und das ist auch gut so!

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