27.04.2018, Gastautor, Kategorie: Herzklopfen

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„Nimm Dir die Freiheit nach dem Sinn zu fragen, denn Neugier ist ein Muskel, den du täglich trainieren solltest.“

Sackhüpfen im Stadtpark, wie gewöhnlich.

„Wie langweilig, schrecklich“, Markus gestikuliert übertrieben und verdreht die Augen, „Jedes Jahr dasselbe. Die sollten sich echt mal was Neues einfallen lassen. Drei Tage am Deck rumgammeln und Cocktails schlürfen, das geht mir schon etwas über.“ „Markus!“, versuche ich ihn zu bremsen „Das ist das Mittelmeer, auf dem ihr rumschippert. Auf einem Kreuzfahrtschiff!“ Meine Empörung ist nicht zu überhören. „Schätzchen“, versucht er sich zu erklären, „das ist so unglaublich langweilig. Das ist nun schon das vierte Jahr in Folge. Und es passiert dort einfach nichts. Wenn es wenigstens etwas interaktiv wäre.“ Er seufzt sehr laut und übertrieben lange.

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Mein Kumpel Markus redet nicht etwa davon, dass er mit den Schwiegereltern Urlaub machen muss, sondern von seinem alljährlichen Betriebsausflug. Mein Kumpel Markus versteht auch nicht sonderlich viel von Sarkasmus und meint das tatsächlich ernst. Weiter erzählt er mir, die Firma wechseln zu wollen. Nicht weil er schlecht bezahlt wird oder die Kollegen nicht nett sein, einfach so, weil man ja auch nicht jeden Tag Spaghetti essen kann. Ob mein Kumpel Markus erste Anzeichen eines Boreout-Syndrom zeigt? An dieser Stelle eine Diagnose zu stellen werde ich nicht wagen.

Mir fällt da eher etwas zur Wertschätzung ein. Denn eben diese, ist keine Einbahnstraße. Egal ob wir hier von Mitarbeitern oder Vorgesetzten sprechen. Es ist ein zwischenmenschliches Bedürfnis nach Anerkennung, welches in beide Richtungen geht. Es ist vermutlich der größte zentrale Durst der Menschen, im Job genauso wie im Privatleben. Wir wollen mit dem, was wir sind, was wir machen und geleistet haben, gesehen und anerkannt werden. Viel zu oft haben Konflikte und Missverständnisse ihre Ursache in fehlender Wertschätzung füreinander. Doch richtig angewendet, kann diese Achtung enorme Kräfte frei setzen und wirkt motivierend.

Mein Kumpel Markus scheint Würdigung nach dem Gießkannenprinzip erhalten zu haben. Nämlich, achtlos, mit verschleudertem Lob. Dies hat bei ihm nur eins bewirkt: Gähnende Langeweile! Die hat sich breit gemacht, weil er sich ebenso selbstverständlich hielt, wie die alljährliche Mittelmeerkreuzfahrt.

Vielleicht ist dies Anlass zu reflektieren. Wo kann auch ich mehr Wertschätzung schenken, wo ich Dinge als selbstverständlich und gegeben hin nehme? Denn für selbstverständlich gehalten zu werden, ist ja keineswegs etwas Negatives. Für mich hat es etwas mit Vertrauen und Sicherheit zu tun. Für meinen Partner, meine Familie und meine Kollegen bin ich selbstverständlich geworden. Das ist schön. Denn, dass ich da bin, ist für sie zu einer beständigen Gewohnheit geworden. Und an einer guten Gewohnheit ist ja nichts Verwerfliches dran. Sicher ist es eine Frage der Betrachtungsweise. Was für den Einen wertvoll und wichtig erscheint, ist für den Anderen vielleicht von eher geringer Bedeutung. Letzten Endes sollte Wertschätzung keine Erwartungshaltung sein.

Anhang:

Mein Kumpel Markus hat mittlerweile den Job gewechselt. Im Mai macht er mit der neuen Firma seinen ersten Betriebsausflug. Auf der Tagesordnung steht Sackhüpfen im Hamburger Stadtpark. Bravo Markus, da hast du Abwechslung und endlich mal was Interaktives!

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