23.10.2018, Gastautor, Kategorie: Herzklopfen

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„Nimm Dir die Freiheit nach dem Sinn zu fragen, denn Neugier ist ein Muskel, den du täglich trainieren solltest.“

Betreff: Vielen Dank für ihre Bestellung

„Liebe Frau Freisinn,
wir freuen uns ihnen mitteilen zu dürfen, dass Ihr Auftrag nun fertig gestellt wurde. Anbei erhalten Sie die Rechnung und den voraussichtlichen Liefertermin. Wir hoffen sehr, dass ihnen ihr individuelles Möbelstück gefällt und Sie viel Freude damit haben. Empfehlen sie uns gerne weiter.
Ihr Team von Sitzstück.de“

Wie cool ist das denn bitte! Ich habe mich, gewissermaßen durch sämtliche Mittsommer-Polarlicht-Einrichtungshäuser gekämpft, auf der Suche nach meinen perfekten neuen Küchenstühlen. Und wenn auch ich selbst vorher anderer Meinung gewesen war, kann ich nun alle warnen. Sich neue Stühle zu kaufen, ist damit verbunden, wirklich weitreichende Entscheidungen zu treffen. Hohe oder kurze Lehne, mit oder ohne Armstützen? Soll der Stuhl aus Plastik oder aus Holz sein? Mit eingebettetem Sitzkissen oder nicht? Sitzflächen bespannt, falls ja, welchen Bezug? Samt oder Kord, Baumwolle oder Leder? Soll das Sitzkissen mit einer Gelee- oder Daunen- oder Synthetik-Füllung sein? Lieber hart und widerstandsfähig oder weich und nachgiebig?

Herrje, herrje …

Wenn es nach mir ginge, dann würde ich mir das ersparen und weiterhin jede Mahlzeit in meinem Ohrensessel verbringen und meine Knie natürlicherweise als Tischplatte für meinen Teller nutzen. Nun geht es aber nicht immer nur nach mir, sondern zeitweise auch mal um Menschen, die mich umgeben. Dazu gehören zum Beispiel auch meine Großeltern. Wenn die zu Besuch sind, dann sitzen sie ungern auf meiner ultra gemütlichen Couch mit extra großer Sitzfläche. Diese ist für meine Großeltern ultra unbequem.  Die können sich nämlich nicht anlehnen. Das funktioniert nur, wenn man seine Beine mit auf die Sitzfläche zieht. Es geht eigentlich nur im Schneidersitz oder direkt Hinlegen. Als ich damals meinen Großeltern, ganz stolz, meine neue Möbelstückerrungenschaft präsentierte, sagte mein Opa „Watt n datt för een duddig Utfinnen?“, was so viel bedeutet wie, er findet das jetzt nicht ganz so gut. Als sie den Nachmittag, auf meiner Supercouch, hin und her rutschten wie Grundschulkinder kurz vor dem Schulschlußgebimmel, stand fest, ich brauche Stühle.

Nun ging ich, wie schon erwähnt, ganz unvoreingenommen an dieses Projekt, was dazu führte, dass ich kurze Zeit später ganz frustriert in meinem Lieblings-Café an den Landungsbrücken saß und an meinem Kaffee nuckelte. Und obwohl dieser Ort mir bislang immer gut zugeredet hat und ich bis heute alle Antworten in Marias Filterkaffee, Touristengewimmel, Möwengekreische und dem Aufwühlen des Wassers beim An- und Ablegen der Fähren gefunden habe, schwieg der Hafen heute. Ich wurde auf eine Stuhlprobe gesetzt. Ist mein Vertrauen in meine Entscheidungsfreudigkeit verloren gegangen? Vielleicht direkt hier, vor meinen Füßen, von der Hafenkante gefallen? In bekannten Schriftstücken zum Thema Erfolgsstrategien wiesen schon Menschen wie Napoleon, Hill oder Walter D. Wattles darauf hin, welch eine Wichtigkeit das schnelle Entscheiden zu unseren positiven Resonanzeffekten beiträgt. Viel mehr noch. Es heißt sogar, dass Arbeitgeber es als Einstellungskriterium nutzen, um die Entschlossenheit eines Mitarbeiters einschätzen zu können. Es ist gewissermaßen bewiesen und es wurde die Erfahrung gemacht, dass wenn sich jemand bei bestehenden Fakten nicht innerhalb von sechzig Sekunden entscheiden kann, dieser auch in späteren Situationen, Schwierigkeiten hat eine Wahl zu treffen.

Maria schubste mich aus meinen Gedanken und deutete mir mit dampfenden Kaffee, den sie in ihrer Glaskanne hin und her schwenkte, an, dass sie noch was zum Draufschütten hätte. Ich nahm an. Was los sei, wollte sie wissen und ihr portugiesischer Akzent war voller mütterlicher Wärme, die sie wohl für jeden übrighatte. Stammgast oder aber auch nicht. Ich erklärte ihr meine missliche Lage und auch das, was ich über die Disziplin, Entscheidungen zu treffen, wusste. „Ach Kindchen, und ich dachte schon, es sei etwas Ernstes?“ Sie fing an die Stehtische zu wischen. Das machte sie immer. Ob da nun zuvor ein Gast gestanden hatte oder nicht.

„Das IST etwas Ernstes“, gab ich empört zu verstehen.  Ich zählte ihr all die Varianten auf, die es bei einem Stuhlkauf so zu entscheiden gäbe und dass die wenigen Fakten mir nicht sonderlich geholfen hätten, die Auswahl zu verkleinern. Maria hörte sich mein Dilemma geduldig an. Nicht aus angelernter Routine, sondern weil Maria einfach so ist wie sie ist. Unweit meiner Füße stritten sich ein Paar Tauben um ein hartes Stück Brot. Als ich mit dem Schildern meiner Problematik geschlossen hatte, stocherte ich mit der Schuhspitze auf dem Boden herum, als ob ich im Asphalt nach Antworten suchen würde. Maria befreite mich von dieser Sisyphus-Aufgabe indem sie mir erzählte, dass ihr Neffe, Miguel gerade letzte Woche dieselben Probleme hatte. Seine Lösung hatte er auf einer Internetseite gefunden, deren Geschäftsidee es sei, die eigenen Möbel, online, zu kreieren. Diese Information veranlasste mich, Maria auf die Wange zu küssen und mich von ihr, dem Lappen und dem Kaffee mit einem „Obrigado Maria“ zu verabschieden. Zuhause angekommen, schmiss ich sofort den Rechner an und suchte nach der Seite.

Tadaaa …

Da staunst du Bauklötze. Der Werbeslogan wurde in grellen Neonbuchstaben auf meinen Bildschirm geworfen. An dieser Stelle verkürze ich den Teil, dass ich vor ähnlichen Entscheidungen, wie zuvor im Einrichtungshaus, stand. Diese waren ja jetzt nun mal weniger problematisch, da ich sie ja ganz bequem von zu Hause aus treffen konnte. Ich musste mich nicht durch verlockende und ablenkende Gänge quetschen und von Menschenmassen zwischen Dekoduftkerzen und billo Bücherregalen schubsen lassen.
Es dauerte nicht lange und ich schickte meine Bestellung ab. Das Team von Sitzstück.de bedankte sich bei mir und versprach, mir zum Stand der Bestellung regelmäßig Informationen zukommen zu lassen.

Nun bin ich also hier, zwei Wochen nach Abschluss meiner Entscheidung, scrolle die E-Mail bis zum Ende hinunter, um nach meinem Liefertermin zu sehen. Ach bin ich aufgeregt. Ich denke an den Besuch meiner Großeltern, der für nächste Woche geplant ist. Ich denke an die komfortable neue Sitzgelegenheit, die ich ihnen zum Kaffee und Kuchen als Sahnehäubchen anbieten werde. Nur leider werden meine gemütlichen Kaffeeklatsch-Visionen durch den Rest der email erheblich gestört:

„Der Voraussichtliche Liefertermin ist in 8 bis 10 Wochen. Unsere Lieferanten werden sie unter der von ihnen hinterlassenen Telefonnummer kontaktieren.“

Aha …

Das war etwas, was in Marias Erzählung wohl etwas zu knapp kam. Die Stühle sind fertig! Was machen meine Stühle auf ihren Gang zu mir, die nächsten 8 bis 10 Wochen? Bei dem zu bezahlenden Betrag stellen sich mir nun so einige Fragen. Wen bezahle ich eigentlich? Und wo werden meine Stühle eigentlich angefertigt? Was bekommt am Ende der Tischler in Übersee für seine handwerkliche Leistung? Und wie viel muss übrigbleiben, um meinen Stühlen einen Platz im Container zu sichern. Wie viel davon bekommen die Arbeiter, die meine Stühle beladen und entladen? Hätte ich auch zum Tischler um die Ecke gehen können für meinen individuellen Stuhlauftrag und das Gleiche bezahlen können? Geht es hier nicht nur, um zu bezahlende Beträge, sondern auch darum, das transatlantische Handelsvolumen zu steigern und Handelswege zu sichern? Gibt es gesunde Möglichkeiten für das going international Projekt des deutschen Handels und Handwerks? Etwas, das zufrieden stellende Arbeitsbedingungen schafft, vor Ort und auch anderer Orts? Vielleicht hat Maria eine Idee. Ich werde sie nächste Woche fragen, wenn ich mit meinen Großeltern an den Landungsbrücken stehe und einen tollen, frisch gebrühten Filterkaffee, an einem ihrer polierten Stehtische trinke.

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