24.08.2018, Gastautor, Kategorie: Herzklopfen

Diesen Post anhören:

„Nimm Dir die Freiheit nach dem Sinn zu fragen, denn Neugier ist ein Muskel, den du täglich trainieren solltest.“

Ach, das ist ja lustig. Ich klicke mit dem Cursor wie wild auf dem WLAN-Icon. Anstelle das sich meine gewohnte Startseite öffnet, begrüßt mich ein T-Rex in Pixellook und grinst ganz gemein zu einer Textzeile hinüber. Diese sagt mir, dass kein Internet-Signal vorhanden ist. Kurz danach plopt ein Fenster auf. Mir wird mitgeteilt, dass die Windows-Problemlösung nun online versucht, herauszufinden warum keine Verbindung zum Internet aufgebaut werden kann. Für einen Moment starre ich ungläubig auf den Bildschirm. Mit so welchen Vorschlägen macht man sich normalerweise überall zum Vollidioten. Von meiner Mutter habe ich mal eine SMS bekommen, in der drinstand, ich hätte mein Handy bei ihr vergessen. Das erfuhr ich natürlich erst zwei Tage später als ich es bei ihr abgeholt hatte. Das eine ist ein Betriebssystem. Das andere meine weniger technisch begeisterte Mutter. Die Logik aber irgendwie dieselbe.

Nun gut, das Internet hat also kurzerhand seine Funktion eingestellt. Ich werde mal bei meiner Nachbarin anklopfen. Vielleicht könnte ich mich dort einwählen, schließlich möchte ich mir nur eben ein Buch bestellen. Meine Nachbarin, hat mir schon aus so mancher Klemme geholfen und scheint irgendwie ein nie versiegendes Lager an Milch, Butter, Eier, Klopapier, Tesafilm und sämtliches Handwerkszeug, zu besitzen. Dieses Mal guckt sie mich aber nur verständnislos an. „Du willst was? Ein Buch bestellen?“ „Ja, ein Buch“, gebe ich zögerlich zur Antwort und komm mir vor, als ob ich sie gebeten hätte mich bei einem illegalen Tiertransport zu unterstützen. „Warum gehst du dann nicht einfach zu unserer Buchhandlung?“ Ja, warum eigentlich nicht? Vielleicht erschließt sich mir eine Antwort auf dem Weg. Ich werde mich nun etwas beeilen müssen, um vor Ladenschluss noch dort zu sein.

Ist dies eins der Gründe warum ich lieber im Internet bestelle? Ist es die zeitliche Flexibilität und Unabhängigkeit? Oder bin ich einfach nur zu bequem? Trägt meine blinde Gemütlichkeit dazu bei, einen disruptiven Prozess einzuleiten? Führt meine Trägheit zur Zerschlagung meiner lokalen Geschäfte? Disruption. Selbst das Wort hört sich schon böse und gemein und martialisch an, doch ist es das auch? Oder stecken hinter dem Begriff viele Chancen für den Handel? Wird uns hier zurecht etwas als Innovation verkauft? Marktplatz 2.0 ein Fortschritt der unseren Markt weiterentwickelt! Oder nur für uns Endverbraucher ein gemütlicher Segen? Und ist das gut oder schlecht? Vielleicht muss ich mich auch gar nicht entscheiden. Vielleicht wird in unserer Welt die Sehnsucht nach persönlichen Begegnungen bleiben oder gerade durch die Digitalisierung bestärkt werden.

So wird der Trend wohl in Richtung Cross- und Multichannel-Handel gehen. Click & Collect ist vielleicht ein super Beispiel dafür, wie man das Online- und Offline-Shopping verzahnen kann. Auf lange Sicht ist es vielleicht sogar ein enormer Zuwachs. Der Handel, wird immer gezielter und vielfältiger seine Produkte an den Endverbraucher bringen. Doch was passiert, mit meinem Buchladenbesitzer, bevor wir dort ankommen? Er wird wohl rechtzeitig eine Aufforderung von der Arbeitsagentur bekommen um sich umschulen zu lassen. Ich schlage eine IT Ausbildung vor. Oder aber etwas im Bereich Paketzusteller. Dort nämlich, so sagt der deutsche Postchef, hat der Paketboom die Post ganz weit nach vorne getrieben. Na, ich weiß ja nicht. Den Zusteller selbst, in meinem Bezirk, treibt jedenfalls nichts an. Und schon gar nicht ein Paket die Treppe rauf. Ist es ihm zu schwer dann bekomme ich gerne mal ein Abholschein in Briefkasten geschmissen, ohne dass er zuvor prüft ob ich zuhause bin. Manchmal drückt er mir ein Stapel Päckchen von meinen Nachbarn (aus dem gesamten Häuserblock) in die Hand, ohne vorher geprüft zu haben ob diese da sind.

Vielleicht wird es ihm demnächst aber auch etwas einfacher gemacht. Denn mit dem Einsatz von Drohnen und anderer Technik sollen die Lieferanten zukünftig unterstützt werden. Die Maschinen sollen dann, im Übrigen, die Produktivität der menschlichen Arbeitskraft nur steigern und nicht ersetzen. So jedenfalls verspricht es der Post Chef, in einem Interview, seinen Mitarbeitern. Die Post hat in einem Pilotprojekt mit sogenannten Smart Glasses arbeiten dürfen. Dort wurden, beim Durchqueren des Lagers, Infos auf die Brille übertragen, wo sie das gesuchte Produkt im Lager finden werden. Aha, wie wäre es denn, dem Zusteller noch mal meinen Namen einzublenden, wenn dieser vor meiner Tür steht, damit er weiß wo er zu klingeln hat? Das wäre ein Effizienzschub der Digitalisierung. Werfe ich einen weiteren Blick in die Glaskugel, dann fährt mir eh der kleine GPS gesteuerte Roboter nach, um mir mein Paket hinterher zu fahren. Egal wo ich mich gerade befinde. Spätestens dann sollte sich auch der Postchef Gedanken machen wo er die Zusteller künftig einsetzen kann.

Die Verkäuferin im Buchladen hat sich darüber jedenfalls noch keine Gedanken gemacht. Über die Frage ob sie Fachliteratur zum Thema Disruption im Handel hat, verneint sie, sichtlich aus Ahnungslosigkeit. Auch meinen eigentlichen Buchwunsch, von James M. Cain, „the postman rings always twice“, hat sie gerade nicht im Lager. Sie klickt sich aber sofort durch das online Register. Sie könne es bestellen, sagt sie, es wäre alles nächsten Tag lieferbar. Ich könne mir aussuchen ob es in die Filiale oder direkt zu mir nach Hause kommen soll. Die Wege des Herrn sind unergründlich.

Sie haben Fragen, Lob oder Kritik?

Kostenloser Rückruf Nachricht senden Lob & Kritik