12.03.2018, Gastautor, Kategorie: Herzklopfen

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„Nimm Dir die Freiheit nach dem Sinn zu fragen, denn Neugier ist ein Muskel, den du täglich trainieren solltest.“

Artikelbeschreibung: Liebenswertes, geselliges Wesen mit viel Appetit abzugeben.

Ich betrete die Umkleidekabine meines Turnvereins. Ja ganz recht, Turnverein. Kein hippes und gut ausgeleuchtetes Studio. Keine Mashup-Dauerschleife der Top-Ten-Hits aus den Lautsprechern. Keine Muskelshirts und keine grellen super slimfit Leggings auf Spinning-Rädern. Wenn der Vorrat in meinem Verein es zulässt, gibt es mal ’nen Eiweißshake am Tresen mit kaltem Wasser zu ergattern. Keine Protein-Bar. Dafür ’ne Leitungswasser-Flatrate. Kurzum, ein wirklich ehrlicher Turnverein. Etwas Echtes. Dort, wo man im T-Shirt und Jogginghose seinen Körper trainiert. An Kursen kann man hier nichts belegen, was in Richtung „High-Impact-Hot-Iron-Im-Zumba-Takt-Auf-Dem-Stepper“ geht. Dafür aber Selbstverteidigung, Judo, Rudern an der Alster oder Geräteturnen auf blauen Matten. Prima. Genau nach meinem Geschmack. Die meisten Mitglieder kenne ich. Mein kleines Fitnessdorf. Hält tapfer stand gegen die gigantösen-stylo-body-performance-Imperien dieser Stadt, die es für nur 2,90 im Monat zu besuchen gibt. All-Inclusive, versteht sich. Das können die sich gönnen, weil sie keine Trainer mehr bezahlen müssen.

Aber zurück zu meinen bekannten Gesichtern im Verein, denn heute sollte alles anders sein. Ich öffne die Tür zur Damenumkleide (Für Imperien-Besucher: Dieser Raum wird auch oft als Fitting Room oder Dress Change Area ausgeschildert, meint aber dasselbe). Meine Vorfreude weicht dem Entsetzen, als ich dieses Getümmel von motivierten, fremden Gesichtern sehe. Huch, wo kommen die denn alle her? Nicht, dass ich nicht gegenüber Unbekannten aufgeschlossen wäre, aber diese Menge irritiert mich nun schon etwas. Ich schiebe mich an bereits schwitzenden Körper entlang und vorbei an denen, die in noch trockene Sportkleidung schlüpfen. Irgendwie habe ich es geschafft, mich auf zwanzig Zentimeter umzuziehen. In der Turnhalle bin ich erleichtert, dass mein Trainer noch derselbe ist. Ich frage ihn: „Was ist denn hier los? Gibt es was umsonst?“ Mein Trainer grinst mich mit einem breiten Lächeln an und sagt: „Das weißt du nicht?“ Ich: „Weiß was nicht?“ Er: „Wir befinden uns noch mitten in der Schweinehund-Saison. Aber keine Sorge, die ist bald wieder vorbei!“

Ich versteh nur Bahnhof!

Mein Trainer lächelt immer noch, als er weiter erklärt: „Um diese Jahreszeit jagen viele ihren Schweinehunde für ein paar Tage oder Wochen in die Wüste. Werden verjagt und ausgesetzt. Die meisten finden aber wieder ihren Weg nach Hause und stehen schon bald mit ’ner Tüte Gummibärchen vor deiner Tür und laden dich auf ’ne Runde privates Bildungsfernsehen auf dem Sofa ein.“

Die Erklärung leuchtet mir ein und ich nehme an, dass der große Zuwachs an Teilnehmern in der Selbstverteidigungsgruppe bald wieder etwas abnehmen wird. Nach dem Training sitze ich noch mit meinem Trainer, bei einem Glas Leitungswasser, im Vereinsbistro (Auch wenn es Bistro heißt, auf etwas zu essen kannst du hier nicht hoffen). Da mein Trainer nicht nur weiser Kung-Fu-Künstler, sondern im wahren Leben auch Coach im Bereich gehirngerechte Kommunikation ist, frage ich ihn was genau denn eigentlich ein Schweinehund ist.

„Lass uns doch einfach ein KAWA dazu machen (Kreatives Analoggraffiti Wort Assoziation)“, schlägt er vor. 
Ich hatte so etwas noch nie zuvor gehört, geschweige denn gemacht. Ich bin neugierig und lasse mich kurzerhand auf das Experiment ein.
„Was fällt dir spontan ein, wenn du an das Wort Schweinehund denkst? Ordne mal einfach jedem Buchstaben vom Schweinehund ein weiteres Wort bei.“ Meine eigenen spontanen Assoziationen geben mir tolle Erleuchtungen. Ich bin begeistert, einfach genial. Und so sieht es dann fertig aus.

© Christian Kaiser

Um euch das mal zu vereinfachen habe ich das senkrecht runter geschrieben:

Schranken im Kopf
Charmant „Nein“ sagen
Hirnfraß
Weg-Zerstörer
Energiesauger/ Räuber
Ideen-Killer
Negativer Einfluss auf neuronales Netz
Engpass-Aufzeiger
Herausforderung
Unbeschränkte Möglichkeiten
Nur Ich kann etwas tun= nicht unnötig trödeln
Deshalb muss ICH es ändern

Ich werde mich folgend etwas kurz fassen, denn womöglich stehen für jeden hinter seinem eigenen Schweinehund auch ganz eigene Worte. Nach all den Gedanken, Schranken und Erkenntnissen in meinem Kopf wird mir klar, dass ich diesen rosa Nackthund mit Ringelschwanz so schnell wie möglich loswerden will. Als erstes kommt mir der Gedanke, ihn einfach ins Treppenhaus zu stellen. Doch ich mag meine direkten Nachbarn, und so ein lästiges Tier will ich ihnen nun wirklich nicht zumuten. Oder vielleicht doch besser eine kostenlose Kleinanzeige auf einem super bekannten Internetportal? „Schweinehund zu verschenken. Kostenlos für Selbstabholer oder freien Versand.“ Um den los zu werden, würde ich ihn sogar als Sperrgut, kostenfrei, verschicken. Hauptsache weg. Natürlich ist mir klar, dass es nicht so einfach geht. Aber der Gedanke seinen Schweinehund einfach verschenken zu können, hat schon etwas Charmantes an sich, finde ich. Und wenn er erst weg ist, bloß nicht wieder reinlassen. Das Tür zu halten, ist womöglich das schwierigste an der ganzen Sache. Sie sind nämlich personenbezogen und ziemlich anhänglich, diese Schweinehunde.

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